Dieser Entwicklungsverlauf zeigt, dass die Eingewöhnungssituation bei der Tagesmutter für Kleinstkinder unter drei Jahren eine besonders diffizile Aufgabe darstellt. Aber auch Kleinkinder im Kindergartenalter können noch sehr unter dem Abschied von daheim leiden, wenn die Eingewöhnung nicht langsam, geduldig und aufmerksam vollzogen wird. Mit Betreuungsbeginn bei der Tagesmutter ändern sich im schlimmsten anzunehmenden Fall gleich drei Dinge: Die Umgebung und das Inventar sind neu, eine fremde Erwachsene tritt an die Stelle der Bezugsperson und unbekannte Kinder konkurrieren mit einem um Spielzeug und Betreuung. Damit es nicht zu diesem Fall kommt, ist ein stufenweises Vorgehen unerlässlich. Ich orientiere mich bei der Eingewöhnung am Berliner Model! Je nachdem, wie gut sich das Kind in der Eingewöhnung entwickelt!
In der ersten Zeit sollten die Besuche nur in Anwesenheit einer familiären Bezugsperson stattfinden. Das Kind kann das Unbekannte in Anwesenheit der vertrauten Person Stück für Stück kennen lernen und Vertrautes an die Stelle setzen. Es weiß bald, wo das Spielzeug liegt, wo man sich die Hände waschen kann, welche familiären Spielregeln gelten, was man bei Tisch darf und was nicht und so weiter. Noch besser, wenn Eltern und Tagesmutter es geschafft haben, ein Zweitzuhause entstehen zu lassen, das Neugier weckt und Spielfreude aufkommen lässt. An diesem Erfolg ist die Tagesmutter von Anfang an beteiligt.
Dann beginnt die Stabilisierungsphase mit kurzen Abschnitten elterlicher Abwesenheit, die kurzfristig vor Ort sein können, um im Krisenfall sofort wieder beim Kind sein zu können. Die Tagesmutter übernimmt zunehmend die Versorgung des Kindes und bietet sich als Spielpartner an. Unter genauer Beachtung der Reaktionen des Kindes vergrößert sich der Zeitraum, in dem das Kind mit der Tagesmutter alleinbleibt. Akzeptiert das Kind die Trennung jedoch nicht und lässt sich von der Tagesmutter nicht beruhigen, sollte mit weiteren Trennungsversuchen gewartet werden.
In der Schlussphase schließlich sind die Eltern den ganzen Tag nicht mehr präsent, aber noch jederzeit im Notfall erreichbar. Ihre Anwesenheit ist im Idealfall dann nicht mehr nötig, da nun die Tagesmutter ihre Rolle übernommen hat. Die Eingewöhnung ist erst dann abgeschlossen, wenn die Tagesmutter vom Kind als „sichere Basis“ akzeptiert wird und in der Lage ist, das Kind zu trösten. Eine Eingewöhnung auch unter optimalen Bedingungen erfordert eine hohe Anpassungsleistung des Kindes. Die Betreuung sollte aus diesem Grund zumindest in den ersten Wochen nur halbtags erfolgen.
Jede überstürzte Eile am Betreuungsanfang wird sich rächen. Beide Seiten müssen sich Zeit nehmen, um den Aufbau einer stabilen Beziehung zu Menschen, die für eine längere Zeit die Zweitfamilie des Kindes darstellen werden.
Für alle gilt jedoch: Stimmt die Chemie nicht zwischen Tageskind und Tagesmutter, fühlt das Kind sich nicht sicher in ihrer Nähe oder lehnt die Tagesmutter das Kind aus unbewussten Gründen ab, dann sollte die Wahl einer anderen Tagesmutter in Betracht gezogen werden.
Zu einer guten Eingewöhnung gehören auch feste Abschieds- und Wiedersehensrituale. Dem Kind muss über das Verhalten des bringenden Elternteils klar werden: Hier kann ich beruhigt zurückbleiben. Ein Talisman von zu Hause, wie ein bestimmtes Halstuch oder Schmusetier erleichtern das Getrenntsein. Sich ohne Abschied davon zu Schleichen sollte ebenso tabu sein wie endlos hinausgezogene Trennungsphasen, die Kind und Elternteil verdeutlichen: „So richtig loslassen können wir uns ja nicht.“ Kinder, bei denen die Trennung von dem Elternteil lange dauert, zeigen auffällige Verhaltensänderungen, wenn die Eltern weg sind. Verringertes und unkonzentriertes Spiel, viel Selbstberührung zur Selbstberuhigung und gesteigertes Abseits-Verhalten sind zu beobachten.
Ganz wichtig, aber oft nicht von den Erwachsenen bedacht, ist eine Erfahrung, die Kinder erst langsam machen müssen: Daheim bleibt alles beim Alten, während ich außer Haus bin.